Unter den Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, die nach dem Ende des II. Weltkrieges nach Steinfeld kamen, gab es eine Familie Krüger, die bei „Klapphaokens“ eine Unterkunft fand. Sie stammte ursprünglich aus der deutschen Siedlungskolonie Bergdorf, Kreis Kaul in Bessarabien.
Der älteste Sohn Hugo, ein Malergeselle, verunglückte am frühen Morgen des 3. Oktober 1957 auf der B 214 in Düpe. Er war bei dichtem Nebel mit seinem Moped auf einen abgestellten LKW geprallt. Dr. med. Paul Boskamp attestierte einen Schädelbruch, Schädelbasisbruch und andere Frakturen, die sofort zum Tode geführt hatten. Hugos Leichnam wurde etwas später provisorisch in der rechten Kammer des Leichenhauses am Steinfelder Krankenhaus aufgebahrt. Bald darauf eilte der Rest der Familie dorthin, was zu diesem frühen Zeitpunkt eigentlich ungewöhnlich war. Denn sicherlich hatte der Aufprall Hugos Gesicht furchtbar zugerichtet. Eine kosmetische Aufbesserung des Leichnams war noch nicht vorgenommen worden. Plötzlich erhob sich dort ein furchtbares Geschrei, in dem weibliche Stimmen überwogen. Als unmittelbare Nachbarn des Leichenhauses konnte ich diese schrillen auf- und abschwellenden Klagelaute einfach nicht länger ertragen und lief deshalb in die Gastwirtschaft von Bungen Guste, meiner Tante. Während ich ihr von meinem Erlebnis erzählte, trat plötzlich Vater Andreas Krüger in die Gaststätte und kaufte eine Flasche Schnaps. Er müsse damit wieder zurück in die Leichenhalle: „Die Mama beweint ihren Sohn.“ Das war und blieb meines Wissens die einzige Totenklage, die je in Stein-feld erhoben wurde. Doch damit ist die Geschichte nicht zu Ende.
Vor einigen Jahren erzählte ich – aus welchem Anlass auch immer – Helene Großmann-Bergmann, uns Steinfeldern besser als „Post Lene“ bekannt, von meinem Erlebnis. Und damit kommen wir zum zweiten Teil der Überschrift: Hugo Krüger wurde wenige Tage nach seinem Tod auf dem nördlichen Teil unseres Friedhofs nach dem evangelisch-lutherischen Ritus beigesetzt. Nach der Beerdigung traf sich die kleine Trauergemeinde zum Totenkaffee im „Hotel zur Post“. Post Lene hatte die Musicbox in den Nebenraum zur Seite geschoben, um etwa Platz für die etwa 25 Personen zu schaffen. Nachdem dem Kaffeetrinken trat Vater Krüger an Lene heran und bat sie, die Musicbox wieder anzuschließen – man wolle tanzen. Lene: „Mir verschlug es die Sprache. Tanzen – nach der Beerdigung? Wenn das die Leute hören!“ Sohn Oskar kam seinen Vater zur Hilfe und überzeugte Lene mit folgendem Argument: „Wenn in unsere alten Heimat ein Junggeselle stirbt, dann werden wir um seine Hochzeit gebracht. Deshalb tanzen wir nach seiner Beerdigung.“ Mit einem mulmigen Gefühl gab Lene schließlich ihre Einwilligung, die Trauergemeinde legte die neuesten Platten auf, man tanzte ausgelassen. Auch dieser Totentanz bleibt wohl einmalig in der Geschichte unseres Heimatortes.
Die Familie Krüger ist dann später in den Raum Karlsruhe gezogen. Ironie der Geschichte. Tochter Erika Krüger, von den US-Soldaten der Kaserne an der Dammer Straße heiß umworben, soll Mitte der 60er Jahre mit ihrem Partner (Bruder Oskar) Deutsche Meisterin im Rock & Roll Tanz geworden sein. Nachmieter bei den „Klapphaokens“ war übrigens ein August Lieche, der es bei seinen bekannten Wutanfällen pflegte, seine Ehefrau kopfüber in einem mit Wasser gefüllten Eimer zu drücken.
Info zu Bessarabien: Gebiet zwischen den Flüssen Dnjestr, Donau, Pruth und dem Schwarzen Meer (Westküste); seit 1990 überwiegend zur Republik Moldowa, im Südosten zur Ukraine gehörend; seit altersher Streitobjekt verschiedener Völker (Römer, Westgoten, Hunnen, Bulgaren, Ungarn und Russen); Namensgebung nach dem Fürstenhaus der Basarab (14. Jahrhundert); Ansiedlung deutscher Kolonisten zwischen 1814 und 1842 (u.a. aus Schwaben und Mitteldeutschland); aufgrund eines deutsch-sowjetischen Vertrages von 1940 Umsiedlung der etwa 93.000 Bessarabien-Deutschen in des Wartheland.